Bundesbauministerium und BBSR auf der BAU 2019

14. bis 19. Januar 2019

Auf der Messe BAU – der Weltleitmesse für Architektur, Materialien und Systeme in München – im Januar 2019 zeigten 2.250 Aussteller aus rund 150 Ländern Produkte und Lösungen, rund 250.000 Besucherinnen und Besucher wurden verzeichnet. Hier mit seinen Themen Gehör zu finden, ist nicht leicht. Und doch gelang es, mit dem Veranstaltungsprogramm des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zahlreiche Interessierte anzusprechen und einzubinden.
Der Messestand des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) bot auf der BAU 2019 eine wichtige Plattform für das Bauen der Zukunft.
Zehn Exponate spiegelten hier einen Teil der aktuellen Forschungstrends der Baubranche wider und waren Anziehungspunkt für viele Messebesucherinnen und -besucher. Welche Bauthemen und -trends sind relevant für die Zukunft? Wie wird dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Großstädten planerisch begegnet? Wie sieht die Baustelle von morgen aus? Welche Werkstoffe werden aktuell entwickelt und getestet? Oder kurz: Wie wird der Lebensraum von morgen bereits heute gestaltet? Expertinnen und Experten aus Politik, Forschung und Praxis diskutierten in diesem offenen und informativen Rahmen bei den „Talks am Tresen“ über aktuelle baupolitische Themen.
Drei Konferenzen zum „Bauen von morgen“ luden ein, sich über nachhaltige Entwicklungen im Bauwesen zu informieren und auszutauschen. Leidenschaftliche, engagierte, kenntnisreiche und international renommierte Expertinnen und Experten machten das Programm zu einem nachhaltigen Erlebnis, moderiert von Tina Teucher, Expertin für nachhaltiges Wirtschaften, und Paul Lichtenthäler von der Bundesarchitektenkammer. Auch das Effizienzhaus Plus war Thema auf der BAU 2019.


Wege in das Bauen von morgen

Konferenz, 14. Januar 2019

Die Konferenz „Effizient, qualitätvoll und digital – Wege in das Bauen von morgen“ eröffnete die Reihe und bot einen Überblick über aktuelle, teilweise gegensätzliche Entwicklungen im Bauwesen. Dominique Gauzin-Müller, Pionierin des Bauens mit natürlichen Materialien, schlug zum Start einen Bogen mit Beispielen gestalterischen Anspruchs in der nachhaltigen Architektur von Alvar Aalto bis zu Anna Heringer. Sie stellte dabei den Spruch „Think global – act local“ in einen neuen Zusammenhang.
Prof. Thomas Auer von der TU München setzt beim Bauen vor allem auf eine Robustheit, die auch das Nutzerverhalten berücksichtigt. Dies bedeutet beispielsweise, eine einfache, natürliche Durchlüftung einzusetzen, statt teure und energieintensive technische Lüftungssysteme zu verwenden. Auch Elisabeth Endres vom Ingenieurbüro Hausladen plädierte für flexible Gebäude mit intelligenten Low-Tech-Lösungen.
Für Prof. Eike Roswag-Klinge vom Natural Building Lab der TU Berlin bedeutet Zukunftsfähigkeit unter anderem, Gebäude auch im urbanen Kontext mit Naturmaterialien zu bauen und damit endliche und energieintensive Bauformen zu ersetzen. Und Prof. Claudia Lüling von der Frankfurt University of Applied Science zeigte, wie energie- und rohstoffeffizient mit textilem Leichtbau geplant werden kann, der auf traditionelle Techniken der Stoffverarbeitung zurückgreift.
Der Nachmittag war der Digitalisierung des Bauwesens gewidmet. Zunächst stellten Dr. Gereon Uerz und Matthias Geipel von ARUP dar, dass die Technologie Blockchain überall dort, wo Dezentralisierung gewünscht ist und mehr Informationsketten nachverfolgt werden sollen, aus ihrer Sicht sinnvoll genutzt werden kann. Im Vortrag von Dr. Matthias Rippmann, der in der Block Research Group an der ETH Zürich forscht, wurde deutlich, wie digitale Planungs-, Analyse- und Herstellungstechniken analoge, handwerkliche Prozesse ergänzen können. Prof. Achim Menges von der Universität Stuttgart stellte in seinem anschließenden Beitrag heraus, dass die Baubranche den geringsten Digitalisierungsgrad aller Industriezweige aufweist und hier reichlich ungenutztes Potenzial besteht.

Innovationen im Nachhaltigen Bauen

Konferenz, 15. Januar 2019

Die Konferenz „Grün, ressourcenschonend und klimaresistent – Innovationen im nachhaltigen Bauen“ stellte Fragen nach Innovationen beim Bau von zukunftsfähigen Gebäuden ins Zentrum. Ein weiteres Thema waren die Gebäudebegrünung und das Wassermanagement als innovative Low-Tech-Lösungen zur Anpassung an den Klimawandel.
Anja Bierwirth vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie stieg mit der provokanten Frage, ob Bauen überhaupt nachhaltig sein kann, in ihren Vortrag ein. Ihre Schlussfolgerung: An oberster Stelle sollte die Qualität des Gebauten stehen – klug konstruiert und umsichtiger, effizienter und flexibler als bisher genutzt und nutzbar gemacht.
Im grünen Schwerpunkt machte u. a. Prof. Dr.-Ing. Nicole Pfoser von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen deutlich, wie Gebäude durch Fassadenbegrünung kostengünstig optimiert, das direkte Umfeld wahrnehmbar klimatisch verbessert und oft teure, wartungsintensive technische Systeme zur Temperaturregulierung ersetzt werden können.
Dr. Gunter Mann, Präsident des Bundesverbands GebäudeGrün, zeigte Möglichkeiten auf, mit begrünten Dächern die Biodiversität in die Stadt zurückzubringen. Marco Schmidt, der an der Technischen Universität Berlin forscht, ergänzte die Überlegungen um den Aspekt der klimaresilienten Architektur mithilfe von Regenwasserbewirtschaftung und Gebäudekühlung.
Weiter ging es mit mehr Nachhaltigkeit im Wohnungsbau. Dr.-Ing. Heide G. Schuster, Blaustudio, analysierte den bisherigen Stand des nachhaltigen Bauens in Deutschland mit dem Fazit, dass bisher zwar viel Wissen vorhanden sei, aber in der Masse noch nicht angewendet werde. Julius Klaffke vom bogevischs buero architekten & stadtplaner stellte das preisgekrönte Beispiel von wagnisART, er partizipativen Planung einer genossenschaftlichen Wohnanlage in München vor. Wie auch privatwirtschaftliche Akteurinnen und Akteure eine Vorreiterrolle im nachhaltigen Wohnungsbau einnehmen können, wurde auch durch die Einblicke, die Sonja Joachim von NEST Ecoproject in ihr Projekt im Münchner Prinz-Eugen-Park gab, deutlich. Dort entwickelte das Familienunternehmen Wohnungen mit veränderbaren Grundrissen und einem umfassenden ökologischen Konzept.

Netzwerktreffen Effizienzhaus Plus

Workshop, 16. Januar 2019

Lothar Fehn Krestas vom BMI hob zu Beginn des Austauschs die zentrale Rolle des Standards für die Ziele im Bereich Energieeffizienz der Bundesregierung hervor. Hans Erhorn vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) sprach im Anschluss über 35 Jahre bauliche Energieforschung und die Schlussfolgerungen für heute. Petra Alten vom BMI zog den Schluss, dass sich das Effizienzhaus Plus als Standard etabliert hat. Da das Effizienzhaus Plus eine der Maßnahmen der Bundesregierung ist, um die Klimaschutzziele durch CO2-Einsparung zu erreichen, bettete Peter Rathert vom BMI es in den größeren Kontext des GebäudeEnergieGesetzes und des Klimaschutzplans. Die Vorträge wurden von Dr. Arnd Rose vom BBSR mit Aktuellem aus der Effizienzhaus Plus-Forschung abgerundet.
Anschließend präsentierten Mitglieder des Netzwerks aktuelle Erkenntnisse aus der Praxis, und Antje Bergmann vom Fraunhofer IBP stellte die Ergebnisse der Begleitforschung vor. Wie Effizienzhaus Plus im Neubau wirtschaftlich umsetzbar ist, präsentierte Steffen Mechter anhand der Aktivitäten der Unternehmensgruppe BayWa. Anschließend zeigte Frank Junker von der ABG Frankfurt Holding, wie der Standard auch in der Sanierung von Gebäuden erreicht werden kann. Eine mögliche Zukunft von Effizienzhaus Plus skizzierte Georg Lange vom Bundesverband Deutscher Fertigbau (BDF) anhand eines Einsatzes im Quartier: Mithilfe neuer Speicherkonzepte soll eine dezentrale Energieversorgung ermöglicht werden. Der Block wurde von Helmut Schöberl vom Büro Schöberl & Pöll zum ersten Plus-Energie-Bürohochhaus in Wien abgerundet.
Heike Erhorn-Kluttig präsentierte die Ergebnisse des EU-Projekts CoNZEBs (Kosten-Reduktionspotenziale im Planungsprozess). Das Publikum stimmte über die Vorschläge aus dem Forschungsprojekt ab: Ein Drittel hält eine CO2-Steuer für die effektivste Maßnahme, um den Effizienzhaus Plus-Standard zu fördern. Fünfzehn Prozent sprachen sich für eine Betrachtung der Warmmiete aus, anstatt Kaltmieten unterschiedlicher Standards zu vergleichen. Auch in den Wortmeldungen diskutierten die Teilnehmenden die Ansätze zur Kostenreduktion kontrovers, hinterfragten die reine Fokussierung auf Investitionskosten und sprachen sich für einen Bewusstseinswandel sowie eine stärkere Regulierung aus.
Prof. M. Norbert Fisch vom Steinbeis-Transferzentrum Energie-, Gebäude- und Solartechnik gab Handlungsempfehlungen für den Bau von Effizienzhäusern Plus. Auf die Frage, ob der Effizienzhaus Plus-Standard Marktreife erreicht hat, antworteten 65 Prozent der Teilnehmenden, dass dies nahezu der Fall, für eine Markteinführung allerdings weitere Unterstützung etwa von BAFA, KfW oder Kommunen notwendig sei. Zum Abschluss gab Prof. Gunnar Grün vom Fraunhofer IBP noch einen Ausblick: „Vision 2030: Aufbruch oder Stillstand?“

Materialien für das zukunftsfähige Bauen

Konferenz, 17. Januar 2019

Wie sich eine Zukunft gestalten lässt, in der alle Materialien im Bau nachwachsend oder Teil der Kreislaufwirtschaft sind, war Schwerpunktthema der dritten Konferenz. Kasper Guldager Jensen von 3XN Architects zeigte u. a. die Entwicklung eines Baumaterials aus Stängeln und Blättern von Tomatenpflanzen, die ansonsten ein Abfallprodukt wären.
Passend dazu stellte Jan Jongert von den Superuse Studios Rotterdam die von ihnen initiierte und schon in mehreren Ländern verfügbare „Harvestmap“ vor, eine Open-Source- Plattform für zirkuläres Bauen. Im Projekt „Blue City Rotterdam“ – dem Umbau eines früheren Spaßbads in einen Standort für nachhaltige Start-ups – konnten sie so 70 Prozent CO2 im Vergleich zu neuen Materialien einsparen. Prof. Dirk Hebel vom Karlsruhe Institut für Technologie stellte das Forschungsprojekt UMAR vor, bei dem in zweijähriger Planung und Suche nach neuen Bauteilen eine 120 m2-Wohnung große komplett aus wiederverwerteten nd wiederverwertbaren Materialien umgesetzt wurde.
Martin Rauch gilt als einer der Wegbereiter für die Rückkehr des Lehmbaus in Europa. Er zeigte unter anderem anhand des Alnatura Campus Darmstadt – bei dem der Bauaushub von Stuttgart 21 genutzt wurde –, wie vielseitig und ästhetisch Lehm genutzt werden kann. Als weitere Alternative stellte der Schweizer Architekt Werner Schmidt das Bauen mit Stroh vor. Er reift in seiner Arbeit nicht nur auf Strohisolierungen zurück, sondern baut tragende Wände und Dächer komplett aus Strohballen, die direkt vom nahen Feld kommen.
Im Gespräch mit der Moderatorin verdeutlichten die beiden Referierenden, dass Lehm und Stroh Champions bei der Primärenergiebilanz sind, momentan allerdings noch aufgrund der aufwändigen Genehmigung im Einzelfall und der arbeitsintensiven Bauweise im Preis schlechter als herkömmliche Bauweisen abschneiden.
Prof. Stefan Krötsch von der Hochschule Konstanz stellte in seinem Vortrag dar, wie Holz aus dem Materialkanon der Moderne verschwand und heute ein Comeback erlebt.
Wie eine solche mehrgeschossige Bauweise aussehen kann, stellte Tobias Pretscher, Florian Nagler Architekten, mit der Parkplatzüberbauung „Wohnen am Dantebad“ in München vor. Dank des seriellen Holzbaus und des Sofortprogramms „Wohnen für alle“ der Stadt München konnte das Projekt innerhalb eines Jahres geplant und bezugsfertig an die städtische Wohnungsgesellschaft übergeben werden. Oliver Sterl von Rüdiger Lainer + Partner zeigte an dem wohl höchsten Holzhochhaus der Welt, dem HoHo in Wien, dass mit Holz nicht nur schnell, sondern auch sehr hoch gebaut werden kann.
Die Konferenzreihe machte deutlich, dass die schlaue Verbindung von Low-Tech und digitalen Anwendungen ein guter Weg in die Zukunft des Bauens ist. Dazu gehört die Rückbesinnung auf Traditionen, die dank neuer Anwendungen und technischer Hilfsmittel wieder im Blickpunkt stehen. Es wurde auch betont, dass die wahren Kosten von Gebäuden und Baustoffen – Stichwort Graue Energie– berücksichtigt werden müssen, damit ein Umdenken im Bauwesen hin zu einer Lebenszyklusbilanzierung erfolgt. Auch sollte neben dem Neubau der Bestand nicht aus dem Blick geraten. An diesen Herausforderungen müssen alle am Bauen Beteiligten gemeinsam mit anderen Fachdisziplinen wie Umweltwissenschaften, Ökonomie und Design arbeiten, hierin waren sich alle Beitragenden und Teilnehmenden einig.

Talk am Tresen

Vortragsreihe, 14. bis 17. Januar 2019

Die Modellvorhaben der Variowohnungen: Flexibilität und Vorfertigung im studentischen Wohnungsbau
Aus einem Wettbewerbsverfahren zum Variowohnen gingen 19 Modellprojekte mit insgesamt 2.400 Wohneinheiten hervor. Zwei dieser Projekte wurden bei diesem „Talk am Tresen“ präsentiert und unter der Leitung des Moderators Lothar Fehn Krestas (BMI) diskutiert.
Gesprächspartner waren Gunther Adler, Staatssekretär im BMI zum Zeitpunkt der BAU 2019, Johanna Burkert vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), Jens-Olaf Nuckel, Nuckel Architekten Hamburg, und Hans Drexler, DGJ Architektur.
Menschen brauchen bezahlbaren Wohnraum. Das gilt für Seniorinnen und Senioren, Alleinerziehende und Flüchtlinge ebenso wie für Studierende. „Während die Studierendenzahlen in den letzten zehn Jahren um 45 Prozent gestiegen sind, erhöhte sich die Anzahl der Wohneinheiten im geförderten Bereich nur um sieben Prozent“, benannte Gunther Adler zum Start aktuelle Zahlen. „Um auf diesem Gebiet für neue Ideen und Impulse zu sorgen, haben wir das Förderprogramm Variowohnungen aufgesetzt. Im Fokus standen hierbei – neben dem bezahlbaren Wohnen – insbesondere die Nachhaltigkeit und Energieeffizienz sowie variable Grundrisse für unterschiedliche zukünftige Nutzungsansprüche.“ „Das Förderprogramm Variowohnungen ist in erster Linie ein Forschungsvorhaben, das wir vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung wissenschaftlich begleiten, um daraus Handlungsempfehlungen ableiten zu können“, erläuterte Johanna Burkert vom BBSR. „Zu unseren Forschungsthemen zählen innovative Planungs- und Bauweisen, Vorfertigung, Baukosten, Flexibilität und Variabilität sowie gemeinschaftliche Wohnprojekte.“
Das erste Projekt des Modellvorhabens präsentierte Jens-Olaf Nuckel von Nuckel Architekten. Hierbei handelt es sich um den Umbau einer in Halle-Neustadt ursprünglich als Studentenwohnheim gebauten Hochhausscheibe aus den 1970er Jahren, die nach langem Leerstand ab Anfang 2020 wieder Wohnraum für Studierende bieten soll. Für dieses Projekt werden zunächst die auskragenden Balkonplatten und -trennwände entfernt und danach leichte, fertig mit Nasszelle vorfabrizierte Holzmodule in die entkernten Räume eingebracht. Um dabei die erforderlichen Raumgrößen zu erreichen, kragen die insgesamt 322 Module fast zwei Meter aus. Diese Lösung ermöglicht extrem kurze Bauzeiten bei gleichzeitig hoher Ausführungsqualität.
Im Anschluss erläuterte Hans Drexler von DGJ Architektur sein Modellvorhaben, das zugleich Teil der IBA Heidelberg ist. Ein bemerkenswerter Aspekt dieses Projekts ist sein Zustandekommen: Initiiert wurde es unter dem Namen „Collegium Academicum“ vor sechs Jahren von einer Gruppe von Studierenden, die es nun als Bauherrinnen und Bauherren in Form eines gemeinnützigen Wohnungsbaus umsetzen. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie es gelingen kann, die Wohnungen langfristig umnutzen und weiterentwickeln zu können. Durch die Holzskelettbauweise lassen sich die Trennwände rund um die festen Badkerne flexibel versetzen. Ebenso gut können auf Wunsch aber auch die 14 Quadratmeter großen Individualräume zugunsten der Gemeinschaftsflächen auf die halbe Größe verkleinert werden.
Auch die weiteren 17 Projekte aus dem Wettbewerb bieten ielfältige Ansätze für das Variowohnen an, über die man sich unter www.zukunftbau.de/variowohnungen informieren kann.
Zukunftsfähige Kälteerzeugung im Kontext von Klimawandel und F-Gas-Verordnung
Moderiert von Nicolas Kerz, Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung, diskutierten Dr. Daniel de Graaf vom Umweltbundesamt, Marco Schmidt, TU Berlin Fachgebiet Gebäudetechnik und Entwerfen und BBSR, sowie Burkhard Dunst, Vorsitzender des VDKF-Landesverbandes Berlin-Brandenburg (Verband Deutscher Klima-Fachbetriebe e. V.) und Geschäftsführer von Frigoteam.
Kältemittel werden zur Wärmeübertragung in Kälteanlagen eingesetzt und sind vor allem dann problematisch, wenn sie ein hohes Treibhauspotenzial (GWP) aufweisen. Um die Emissionen der besonders umweltschädlichen teilfluorierten Kohlenwasserstoffe (HFKW) zu verringern, gilt seit Januar 2015 eine neue EU-Verordnung, die die Verfügbarkeit von HFKW auf dem Markt bis zum Jahr 2030 schrittweise beschränkt. Dr. Daniel de Graaf vom Umweltbundesamt gab in seinem Impulsvortrag einen Überblick über die Folgen: „In manchen Bereichen ist bereits heute ein Mangel zu beobachten, zudem sind die Preise vor allem für HFKW-Kältemittel mit hohem GWP teils um mehr als 1.000 Prozent gestiegen. Es gibt jedoch leistungsfähige nachhaltige Alternativen, z. B. Propan, Ammoniak oder CO2.“
„Wie müssen wir auf diese Verordnung reagieren?“, fragte der Moderator Nicolas Kerz gleich zu Beginn des anschließenden Talks am Tresen in die Runde. „Bei HFKW-Anlagen gibt es schließlich oft keine Drop-in-Lösung, d. h., sie können nicht mit anderen Kältemitteln befüllt und weiterbetrieben, sondern müssen ausgetauscht werden, was sehr hohe Kosten nach sich zieht.“ Burkhard Dunst sah eine gewisse Unsicherheit auf dem Markt: „Zu viele Handwerksbetriebe, aber auch Planende, verfügen über zu wenig Wissen darüber, welche Anlagentypen nur Übergangslösungen und welche tatsächlich zukunftsfähig sind. Hinzu kommt, dass umweltfreundlichere Anlagen im Vergleich zu den herkömmlichen in der Anschaffung rund um die Hälfte teurer sind. Bezogen auf den ganzen Lebenszyklus sind sie jedoch schon heute wirtschaftlicher.“
Marco Schmidt, der an der TU Berlin am Fachgebiet Gebäudetechnik und Entwerfen sowie für das BBSR arbeitet, benannte noch ein anderes Problem: „Ein entscheidender Faktor ist die Architektur, die mit großen Glasflächen eine Kühlung überhaupt erst erforderlich macht. Wir müssen unsere Entwürfe überdenken, anstatt immer mehr Kältemaschinen einzubauen.“ Eine Variante bieten Fassadenbegrünungen, die den Wärmeeintrag ins Gebäude reduzieren und zudem das Kleinklima außerhalb des Gebäudes verbessern. „Es gibt aber auch Low-Tech-Lösungen, die auf dem Prinzip der Wasserverdunstung basieren, wie die adiabate Abluftkühlung. Diese Systeme sind sowohl von den Investitions- als auch von den Betriebskosten wesentlich günstiger als konventionelle Kompressoren. Grundsätzlich ist es energetisch fragwürdig, 6 Grad kaltes Wasser konventionell zu erzeugen, um Gebäude im Sommer auf 26 Grad zu klimatisieren“, so Schmidt. Am Ende der Gesprächsrunde waren sich die Teilnehmenden einig, dass die besten Antworten auf die F-Gas-Verordnung – wie eigentlich immer beim nachhaltigen Bauen – in ganzheitlich-integrativen Ansätzen liegen.
EU-Bauproduktenverordnung – sicheres Bauen nach dem EuGH-Urteil (Rs. C-100/13) gegen Deutschland
In diesem „Talk am Tresen“ brachten Dietmar Menzer vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI), Gerhard Breitschaft, Deutsches Institut für Bautechnik, Dr. Berthold Schäfer, Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden, Barbara Schlesinger, Bundesarchitektenkammer, Dr. Ingrid Vogler, Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V. und Detlef Desler, Deutsches Institut für Normung, ihre Positionen und Gedanken ein. Die Runde wurde von Lothar Fehn Krestas, BMI, moderiert.
„Anforderungen an Bauprodukte werden im europäischen Binnenmarkt zunehmend harmonisiert. In Deutschland gibt es zusätzliche Anforderungen und die Notwendigkeit, für harmonisierte CE-gekennzeichnete Bauprodukte weitere Eigenschaften zu deklarieren“, erklärte Dietmar Menzer in seinem Impulsvortrag. „Das hierfür eingeführte Ü-Zeichen muss nach dem EuGH-Urteil (Rechtssache C-100/13) nun entfallen. Zusätzliche nationale Regelungen für CE-gekennzeichnete Bauprodukte dürfen nicht mehr Gegenstand des Bauordnungsrechts sein.“
„Die Baubranche ist verunsichert. Welche Bauprodukte sind geeignet, die hohen Bauwerksanforderungen in Deutschland zu erfüllen?“ Diese Frage wurde vom Moderator Lothar Fehn Krestas aufgegriffen und kontrovers diskutiert. Zunächst wies Dr. Ingrid Vogler vom Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen darauf hin, dass es für harmonisierte Bauprodukte noch laufende Ü-Zeichen gibt, die – bei unveränderten Produkten – auch weiterhin genutzt werden können. Daneben versuchen privatwirtschaftliche Initiativen, den Wegfall des Ü-Zeichens zu kompensieren. Diese Vielfalt und die Übergabe eines ehemals staatlich geregelten Systems an den Markt führen aber zur Verunsicherung der Bauherren, was in den nächsten Jahren immer sichtbarer werden wird.
Barbara Schlesinger von der Bundesarchitektenkammer sah dringenden Handlungsbedarf bei lückenhaften harmonisierten Produkten, denen in Bezug auf die Anforderungen der Bauordnung Merkmale fehlen. „Wie lassen sich diese Lücken schließen und mängelfreie Projekte planen? Die Bereitstellung von technischen Dokumentationen in Form von Anforderungsdokumenten für einen bestimmten Verwendungsbereich ist die Antwort.“
Dr. Berthold Schäfer vom Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden stellte klar, dass das EuGH-Urteil keinen Einfluss auf den Herstellungsprozess, die Qualität und die Sicherheit von harmonisierten Bauprodukten und Regelungen zu deren Inverkehrbringen hat. „Das Konzept der mineralischen Baustoffindustrie sind „Anforderungsdokumente“, die auf der Internetseite www.abid-bau.de beschrieben werden. Es schafft Transparenz über Produkteigenschaften und nationale Leistungsanforderungen und sichert allen Baubeteiligten die Verwendungssicherheit des jeweiligen harmonisierten Bauprodukts zu. Als Technische Dokumentation ist das Konzept in der neuen Musterbauordnung rechtlich verankert.“
Gerhard Breitschaft betonte, dass nach dem EuGH-Urteil eine rechtskonforme Umsetzung in den maßgeblichen Regelungen des Bauordnungsrechts erfolgen musste. „Die neue Musterverwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB) ist das Ergebnis dieser Anpassung. Anstelle von bauaufsichtlichen Zulassungen können Hersteller vorübergehend freiwillig Produkteigenschaften erklären, die für bestimmte Verwendungen in Bauwerken erforderlich sind. Das DIBt kann Herstellern, sofern sie es wünschen, diese gutachterlich bestätigen.“
Detlef Desler erläuterte, dass vom DIBt eine Prioritätenliste mit 84 lückenhaften zur Harmonisierung vorgesehenen Normen erstellt wurde. „Eine Voraussetzung für rechtssichere Normen sind Normungsaufträge der Europäischen Kommission, in denen alle Anforderungen der Nationalstaaten enthalten sind. DIN Bauportal GmbH bietet für unvollständige Normen mit dem Online-Dienst „Sichere Bauprodukte“ Hilfestellung zur Deklaration der fehlenden wesentlichen Merkmale auf Basis der Prioritätenliste des DIBt an."
Dietmar Menzer stellte den Stand der Verhandlungen mit den Dienststellen der Europäischen Kommission dar: „Um Rechtssicherheit im Umgang mit lückenhaften harmonisierten Normen (hEN) zu erhalten, hat Deutschland die EU-Kommission vor dem Gericht der Europäischen Union verklagt. Außerdem soll im Jahr 2020 die Revision der EU-Bauproduktenverordnung starten. Von beiden Verfahren wird ein weiterer positiver Impuls erwartet. Nur mit vollständigen Normen kann der Binnenmarkt gefördert und gleichzeitig sicheres Bauen gewährleistet werden.“
Das Bewertungssystem Nachhaltiger Kleinwohnhausbau (BNK) – nachhaltig planen, bauen und wohnen
„Es gibt enorme Herausforderungen auf dem Wohnungsmarkt: Wir müssen viele Wohnungen schaffen, die zugleich nachhaltig, umweltgerecht und sozial, aber auch bezahlbar sind.“ Mit diesem Statement eröffnete Gunther Adler, Staatssekretär im BMI zum Zeitpunkt der BAU 2019, den „Talk am Tresen“ zum Bewertungssystem Nachhaltiger Kleinwohnhausbau. Viele Impulse zur Bewältigung der angesprochenen Herausforderungen erhielt das Publikum bei der Kurzpräsentation und Auszeichnung von neun aktuellen, hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit beispielhaften Einfamilienhäusern. Geehrt wurden Bauherren, Architekten und Auditoren, die am Forschungsprojekt „Weiterentwicklung des Bewertungssystems Nachhaltiger Kleinwohnhausbau (BNK)“ mitgewirkt hatten. Das für Ein- bis Fünffamilienhäuser konzipierte und von der KfW-Bank geförderte BNK wurde von der Hochschule München gemeinsam mit der Bau- und Immobilienwirtschaft und mit Unterstützung des BMI entwickelt. Fördermittel für die Weiterentwicklung des BNK-Gütesiegels stammen auch von der Zukunft Bau Forschungsförderung.
Welche Aspekte für nachhaltige Wohnungsbauten wesentlich sind, erfuhren die Teilnehmenden in der anschließenden Diskussionsrunde, moderiert von Prof. Dr. Natalie Essig vom Fachgebiet Bauklimatik der Hochschule München. Paul Mittermeier, Geschäftsführer und Mitgründer des Bau-Instituts für Ressourceneffizientes und Nachhaltiges Bauen (BiRN), welches das BNK-Zertifikat vergibt, lieferte zunächst eine erweiterte Definition von Nachhaltigkeit. Jenseits der sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Aspekte sollten nachhaltige Wohnhäuser den Menschen langfristig Freude am Wohnen bereiten. Nötig ist aber auch mehr tatsächlich ganzheitliches Denken. In diesem Zusammenhang wies Natalie Essig, ebenfalls Mitgründerin des BiRN, darauf hin, dass das Zertifikat keineswegs nur als Nachhaltigkeitsnachweis, sondern auch als präzise Gebäudedokumentation dient. Hiervon profitieren Bauherrinnen und Bauherren nicht zuletzt beim Wiederverkauf ihres Hauses. Ihr Fazit: Das BNK-Gütesiegel ist in der Bauwirtschaft angekommen. So bietet der Fertighaushersteller Gussek Haus seinen Kunden acht zertifizierte Typenhäuser, die auf Grundlage eines umfassenden Katalogs von Nachhaltigkeitskriterien geplant wurden.
Zum Abschluss berichtete der Baubiologe und Architekt Ulrich Bauer vom Büro natürlich-baubiologisch über Baufinanzierungen durch die Umweltbank, die einen Zinsabschlag von 0,1 Prozent gewährt, wenn ein BNK-Zertifikat vorliegt. Nachhaltiges und gesundes Wohnen muss nicht zwangsläufig zu Mehrkosten führen.
eLCA, von der Energiebilanz zur Ökobilanz – digitaler Workflow in der Bauplanung
Für die Erstellung einer Ökobilanz spielen neben der für den Gebäudebetrieb benötigten Energie die globalen Umweltwirkungen wie treibhausgasrelevante Emissionen der Baustoffe über den gesamten Lebenszyklus eine bedeutende Rolle. Um die Erfassung und Bewertung von Bauteilen und Massen zu erleichtern, bietet das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) die online frei verfügbare Ökobilanzierungssoftware eLCA an. Stephan Rössig vom BBSR erläuterte in seinem Impulsvortrag dieses Talks am Tresen die von ihm mitentwickelte Software. Vor allem aber präsentierte er eine neue Schnittstelle für eLCA, welche die Einbeziehung und Weiterverwendung digitaler Daten ermöglicht, die ohnehin bereits im Rahmen des notwendigen EnEV-Nachweises erfasst wurden: „Dieses Tool schafft nicht nur große Synergien. Es ermöglicht auch die Übernahme sämtlicher Elemente aus einem BIM-Modell, beispielsweise der Innenbauteile, die bei der EnEV-Berechnung unberücksichtigt blieben.“
In der anschließenden Podiumsdiskussion ging der Moderator Nicolas Kerz vom BBSR zunächst der Frage nach, welche Resonanz die Ökobilanzierungssoftware eLCA in der Praxis findet. Für Prof. Dr. Natalie Essig von der Hochschule München und Mitgründerin des Bau-Instituts für Ressourceneffizientes und Nachhaltiges Bauen (BiRN) ist Software wie diese kein Zukunftsprodukt mehr, sondern im Alltag sowohl von Studierenden als auch Architekturschaffenden angekommen. Diesen Eindruck bestätigte Sylwia Marszalek vom Softwareunternehmen Hottgenroth, den Entwicklern des neuen Tools zur Verknüpfung von EnEV-Berechnung und Ökobilanzierung. „Wir haben diese neue Schnittstelle nicht zuletzt deshalb entwickelt, weil wir eine große Nachfrage von Energieberatenden, Architektinnen und Architekten und anderen Planungsbeteiligten wahrgenommen haben“, sagte Marszalek.
Für Nicolas Kerz schloss sich damit der Kreis. Dennoch stellte er fest, „dass die Ökobilanzierung trotz neuer Werkzeuge und Datenbanken noch immer nicht ausreichend gelebt wird“. Ein Grund hierfür liegt in den häufig noch unzeitgemäßen Planungsprozessen. Der Schritt von 2D- zu 3D-Planungen ist längst noch nicht in allen Architekturbüros vollzogen. Gebäudemodelle müssen sehr präzise und eng mit anderen Planenden abgestimmt sein. Dafür brauchen die Büros sowohl kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch die richtigen Planungsprozesse. Erfolgt die Planung allerdings in 3D-Gebäudemodellen, und darin waren sich Podium und das rege mitdiskutierende Publikum einig, eröffnen sich riesige Chancen. Beispielsweise ließe sich bei entsprechend in Datenbanken hinterlegten Bauteileigenschaften mittels Ökobilanzierung sehr einfach ein CO2-Abdruck ermitteln.
Kostengünstig und energieeffizient: ein Widerspruch?
Energieeffizienz ist vor allem dann eine Herausforderung, wenn es um die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum mit begrenzten Mitteln geht. Hans Erhorn vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik führte durch das ebenso wichtige wie weitreichende Thema dieses Talks am Tresen.
„Es gibt keine Maßnahmen, die die Energieeffizienz steigern, ohne dabei nicht zugleich die Baukosten und damit die Mieten anzuheben.“ Mit diesem Statement unter Verweis auf einen Bericht der Baukostensenkungskommission eröffnete Peter Rathert vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) die Diskussion. Nicht zuletzt, um dieser Tendenz entgegenzuwirken, erforscht Heike Erhorn-Kluttig vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik mit dem EU-Projekt CoNZEBs (Cost reduction of new Nearly Zero-Energy Buildings) die Einsparpotenziale bei Planungs- und Bauprozessen von Niedrigstenergiegebäuden. Dabei geht es unter anderem um die Analyse von Kostenreduktionen durch BIM-Prozesse, verschiedene Konstruktionen, aber auch durch Optimierungen in der Kubatur. Ihr Fazit: Die Verringerung des A/V-Verhältnisses – das Verhältnis der wärmeabgebenden Hüllfläche (A) zum beheizten Volumen (V) – um nur 0,1 reduziert den Heizenergiebedarf um 11 kWh/m²a (Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter (m²) und Jahr (a)) und spart Baukosten von ca. 50 bis 80 Euro pro Quadratmeter.
Energieeffizienz ist – trotz der deutlichen Mehrkosten im Bau – schon allein wegen der drohenden Ressourcenknappheit unausweichlich. Neben den Gebäuden selbst muss auch waren sich die Diskutanten einig. Viel gesprochen wurde allerdings darüber, inwiefern Klimaneutralität und Energieeffizienz vielleicht betriebswirtschaftlich, aber keinesfalls volkswirtschaftlich problematisch sind.
Große Potenziale zur Verbesserung liegen in diesem Zusammenhang in der Digitalisierung. Um die Kosten zu senken, sind nicht geringere Qualitätsansprüche, sondern bessere Prozesse nötig. Digitale Informationen können die Nutzer in ihrem Verhalten positiv beeinflussen, wenn sie beispielsweise die Tagesenergieverbrauchswerte erfassen und vielleicht sogar auf spielerische Weise sichtbar machen. Gegen Ende des Talks kam die Frage auf, ob wir uns nicht vom permanenten Denken in „Payback-Zeiten“ verabschieden müssen. Schließlich würde auch niemand bei seinem Wohnhaus auf eine Photovoltaikanlage verzichten, wenn sie sich erst nach sieben statt nach sechs Jahren amortisiert. Wesentlich für den Erfolg von energieeffizienzsteigernden Maßnahmen sei letztlich, dass die Menschen sie wirklich wollen und nicht als notwendiges Übel ansehen.
Wohngipfel 2018 – die Wohnraumoffensive des Bundes – Chance für die Branche
Letzten September haben sich Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen sowie der im Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen engagierten Verbände zum Wohngipfel 2018 getroffen. Die Teilnehmer vereinbarten die Umsetzung eines Maßnahmenpakets zur Stärkung des Wohnungsneubaus und Sicherung des bezahlbaren Wohnens, bei dem die Interessen von Mietern, selbstnutzenden Eigentümern und Investoren gleichermaßen im Fokus stehen. Zudem wurde das Ziel formuliert, noch in dieser Legislaturperiode 1,5 Millionen Wohnungen zu bauen. „Insgesamt stellt die Bundesregierung über 13 Milliarden Euro an Steuergeldern zur Verfügung“, sagt Gunther Adler, Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI). Investive Impulse zählen hierzu ebenso wie Maßnahmen zur Baukostensenkung und zur Fachkräftesicherung. „In einem intensiven Miteinander aller Beteiligten können wir die Probleme des Wohnungsbaus lösen“, ist sich Adler sicher.
Der Moderator dieses Talks am Tresen – Michael Neitzel vom InWIS Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung – stellte zunächst die Frage in den Raum, wie sich diese Absicht mit einer qualitätvollen Architektur erreichen lässt. In der Regel ist qualitätvolles Bauen nicht teurer, sondern eher günstiger, wenn zuvor sorgfältig geplant wurde. Dies gilt insbesondere dann, wenn Fördermittel mit ökologischen Zielen und der Förderung des Gebäudebestands einhergehen, um so nicht nur die Qualität einzelner Gebäude, sondern ganzer Städte zu verbessern.
Der Bau einer sehr hohen Anzahl an Wohnungen erscheint durchaus realistisch, wenn man bedenkt, dass die Beschäftigtenzahlen im Bausektor in den letzten zehn Jahren um 150.000 Mitarbeiter auf heute 850.000 gestiegen sind. Hinzu kommen stetig steigende Lehrlingszahlen sowie Maschinen, die enorme Rationalisierungseffekte ermöglichen. Bezahlbares Wohnen erfordert aber auch bezahlbare, d. h. niedrige Baukosten. Ein Ansatzpunkt zur Lösung dieser Frage liegt in der Überprüfung der Standards und Kosten. Diskutiert wurde beispielsweise die Frage, warum 16 Länderbauordnungen nötig sind und warum für Neubauten in den Niederlanden deutlich weniger Geld ausgegeben wird als für qualitativ vergleichbare Gebäude in Deutschland?
Hohe Standards und kostengünstiges, schnelles Bauen lassen sich miteinander verbinden. Das zeigt ein von Gunther Adler kurz erläuterter Wettbewerb zum seriellem und modularem Bauen, den der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft, GdW, europaweit ausgelobt und das BMI unterstützt hatte. Neun der ausgezeichneten Wohnungsbaukonzepte sollen nun mithilfe einer von der Wohnungswirtschaft unterzeichneten Rahmenvereinbarung umgesetzt werden.
Wie viel BIM verträgt ein Mittelstandsprojekt?
BIM ist nicht nur bei großen, sondern auch bei mittelgroßen Bauprojekten ein wichtiges Thema. „Dennoch stellen wir fest, dass es heute leider nur selten medienbruchfreie Datenübergaben innerhalb der Planungs-, Bau- und Betriebsphasen gibt“, sagte Lothar Fehn Krestas vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) in seinem einführenden Statement zu diesem Talk am Tresen. Neben vielen anderen Punkten sieht er nicht zuletzt in „offenen und neutralen Standards die Möglichkeit, innovative Lösungsansätze in die Planungs- und Bauprozesse zu implementieren und damit die Effizienz zu steigern.“ Hiervon geprägt ist das beispielhaft mit openBIM und IFC-Format realisierte „Fachmarktzentrum (FMZ) Leinefelde“. Dieses Projekt wurde in zwei Impulsvorträgen vorgestellt und schließlich unter der Leitung von Helga Kühnhenrich vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) mit den Talk-Teilnehmern und dem Publikum diskutiert.?
Als geschäftsführender Gesellschafter sowohl des Architekturbüros POS4 als auch der BIM-Beratungsgesellschaft DEUBIM weiß André Pilling, was Planen in kleinen mittelständischen Büros bedeutet. Bei dem von ihm geplanten FMZ Leinefelde handelt es sich um ein Pilotprojekt mit einfacher Geometrie, aber komplexer Gebäudeausstattung. Doch auch bei einem solchen Supermarkt müssen alle Bauteile integriert werden – das vorgefertigte Tragwerk und die Fassade ebenso wie die TGA, die Lüftung und die Sprinklerung.?
Einzigartig ist dieses Pilotprojekt nicht nur wegen der detaillierten Beschreibung der Planungs- und Bauprozesse im „BIM-Leitfaden für den Mittelstand“ des BBSR, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass der Bauherr bereit war, Neuland zu betreten, um BIM in Zukunft dauerhaft einzuführen. Über die wissenschaftliche Begleitung und Dokumentation, die dieser Publikation zugrunde liegt, berichtete Dr.-Ing. Anica Meins-Becker von der Bergischen Universität Wuppertal (BUW). Ziel dieser Arbeit war es, aus dem FMZ Vorlagen für den Mittelstand zu generieren – in Bezug auf Merkmallisten und Attribute für Prozesse. Der Leitfaden beantwortet aus vielen Perspektiven und über den gesamten Lebenszyklus hinweg die Frage, wer von wem wann wofür welche Informationen braucht. Daraus resultierende Vorlagen sollen es ermöglichen, eigene Auftraggeber-Informations-Anforderungen zu erstellen.?
Aus einer von Prof. Dr.-Ing. Manfred Helmus von der BWU bundesweit durchgeführten Studie geht hervor, dass Unternehmen des Baumittelstands sich aus eigenem Antrieb intensiv mit BIM beschäftigen. Sehr oft führen diese Unternehmen zuerst Pilotprojekte durch, bevor sie flächendeckend mit BIM arbeiten. Dabei wünschen sie sich Unterstützung – z. B. durch einen BIM-Leitfaden wie diesen.

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